Der Maler Michael Kiefer

Kiefer ist Maler, ein sehr guter Maler. Er malt mit absolut naturalistischer Präzision. Kiefer ist kein Naturalist. Naturalistische Malerei bildet nur ab, realistische Malerei aber „verwirklicht“, sie gibt den Dingen eine neue Bedeutung, die nur malkünstlerisch realisierbar ist. Kiefer ist Realist.

Es geht hier nicht darum, die Natur zu reproduzieren, sondern um das Sichtbarmachen, nicht das Sichtbare wiedergeben.
Kiefer steht den Impressionisten, die in der Auflösung und Veränderung des Gegenstandes durch Licht und Bewegung seine „Wirklichkeit“ erkannten, erkennbar machten, näher als den Fotorealisten in ihrer Negation von Stimmung und Bedeutung, ihrer Neutralität. Bestimmte Wirklichkeiten sind nur beschreibbar, indem man sie künstlich herstellt.

Der fotografisch erfasste, aber kompositionell und im mehr oder weniger wichtigen Details veränderte „Zufallsmoment“ gewinnt in Kiefers Bildern - Kraft seiner handwerklichen Perfektion – eine magische Dimension und existentielle Bedeutung, die den Rezipienten oft schaudern, zurückschrecken lässt, ihn irritiert, auf jeden Fall interessiert. Dem Werk nicht immer wohlgesinnt, oft auch abgeneigt, aber sicherlich tief wahrnehmend wird der Betrachter Kiefers „Oberflächen“ nicht aus seinen Gedanken tilgen können. Das Thema ist nicht das Nebenprodukt einer Oberfläche, das Thema ist die Voraussetzung für die Oberfläche. Dennoch, auch die totale Sichtbarkeit in Kiefers Werken ist „Inhalt“ eines (fotografisch) erfassten Moments der seinerseits Ergebnis und Auslöser von Wahrnehmungsprozessen ist, analysiert und potenziert im Medium der Malerei. Das ist ein Kernstück dieses Realismus, das erwirkt die Aura, die ein tiefes Eintauchen in Inhaltlichkeit, in Aussage provoziert. Kiefer zeigt die Figuren trotz der geringen Bildtiefen (die meisten Arbeiten haben keinen Vordergrund und keinen Hintergrund) in einer Plastizität und Räumlichkeit, die das flache Foto nie erreicht. Sein anatomisches Wissen stellt ihm alle, dem Foto vielfältig fehlenden Informationen bereit. Nur so ist die Eindringlichkeit des Motivs, die uns zur Wahrnehmung der Aussage zwingt, erreichbar.

Kiefers Figuren sind die Konstruktionen, mehr noch die Visionen von Menschen, ihrer Fülle und ihres Verfalls und transportieren damit Inhalte, die die Werke vom Dekorativen, vom angenehm Eingängigen entfernen. Keine Portraits, eher Psychogramme, Landschaften, erodiert durch das Leben, weitab von glatter Werbeästhetik, vom Idealisierten. Auch böse, verletzend und wachrüttelnd somit Abwehr hervorrufend aber niemals kalt lassend, immer bewegend.

Die fotografisch kühle, in schwarz- (sepia-, braun-, blau-) weiß Tönen gehaltene, jeden Pinselstrich (Airbrush) verleugnende Präzision, die totale körperliche Isolierung und räumliche Beziehungslosigkeit: solche extreme Verbindung von Vertrautheit und Verfremdung gibt diesem Realismus eine magische Intensität, die im Rezipienten etwas bewegt, anstößt, Geschichten entstehen lässt. Bei jedem andere, entsprechend seiner Verfassung, seiner mentalen Situation, seiner Erlebnisse, seiner Sozialisation. Das Individuum selbst ist Verantwortlich für die Fortführung der kieferschen Bildinhalte. Kiefers Bilder sind „Momentaufnahmen“, Bruchstücke von Geschichten; es gibt ein Davor und ein Danach, und es ist die Aufgabe des Betrachters die Geschichte zu „erzählen“. Und die kann jedes Mal anders beginnen oder enden.

Sich auf Kiefers Realismus, der als Gegenbild zur Realität, als Kritik und nicht nur Phänomenologie der Erscheinungswelt und Erscheinungsweisen erkannt werden sollte, einzulassen ist anzuraten und immer wieder spannend.

I.S.

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